Donnerstag, 31. Mai 2012

MS eine Infektionskrankheit ?

Auch die Wissenschaft hat den Zusammenhang zwischen MS und Infektionen entdeckt. Nicht nur der Borreliose-Erreger wird heiß diskutiert, sondern auch Clamydia pneumoniae. Wer also negativ auf Borrelien testet, der sollte auch andere Erreger überprüfen lassen.

s. folgenden Text:

Ist Multiple Sklerose eine Infektionskrankheit des zentralen Nervensystems mit Chlamydia Pneumoniae?
von
Dr. Christoph Stephan und Prof. Wolfgang Stille
erschienen in
Ärze Zeitung Nr. 124 (1999), Seite 2

 




Eine Gruppe von Neurologen, Infektiologen und Pathologen um Subramaniam Sriram aus Nashville im US-Staat Tennessee beschreibt in der aktuellen Ausgabe der "Annals of  Neurology" den Nachweis von Chlamydia pneumoniae bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS). Sind die Ergebnisse für andere Forscher nachvollziehbar, dann ließe sich kurz vor Ende des Jahrtausends, etwas provokant, aber immerhin, konstatieren: Die Ätiologie der MS ist in unerwarteter und bemerkenswert einfacher Weise aufgeklärt, und zwar als chronisch-persistierende Infektion des ZNS mit C. pneumoniae.

In der Studie wurden drei Patientengruppen untersucht: 17 Patienten mit schubförmiger MS (ohne aktuellen Schub), 20 Patienten mit chronisch-progredienter MS, mit nach den Poser-Kriterien gesicherter Diagnose. Als Kontrollgruppe galten 27 Patienten mit anderen neurologischen Krankheitsbildern, aber nicht MS. Die Untersuchungsmethoden:
  • Kultureller Nachweis von C. pneumoniae im Liquor cerebrospinalis,
  • PCR-Amplification (Major outer membrane protein) im Liquor,
  • Quantitative und qualitative Analyse der Antikörper im Liquor mittels ELISA (Enzyme-linked immunosorbent Assay) und Western Blot.
Die Ergebnisse sind eindrucksvoll: In der Gruppe der Patienten mit schubförmiger MS konnte bei 7 von 17 Patienten C. pneumoniae kulturell nachgewiesen werden, bei allen 17 Patienten konnte C.-pneumoniae-Antigen mit der PCR nachgewiesen werden. Die Antikörper-Analyse von Liquor und Serum ergab bei 8 von 17 Patienten einen positiven Index >1 als Ausdruck der autochthonen IgG-Produktion. In der Patientengruppe mit chronisch-progredienter MS war der Nachweis von C. pneumoniae noch eindrucksvoller. Bei 16 von 20 Patienten war C. pneumoniae kulturell nachweisbar, in der PCR bei 19 von 20 Patienten positiv. Mittels Western Blot konnte in dieser Gruppe nachgewiesen werden, daß sich die als oligoklonale Banden bekannten autochthon produzierten IgG im Liquor von C.-pneumoniae-Antigen adsorbieren lassen, ein Hinweis auf die Spezifität der bisher als unspezifisch charakterisierten Antikörper. In der Kontrollgruppe mit anderen neurologischen Krankheitsbildem, die ebenso entzündlicher Genese waren oder eine entzündliche Komponente aufwiesen, waren 3 von 27 Patienten kulturell und 4 von 27 in der PCR positiv.
Die Indices der IgG-Prävalenz in Liquor und Serum lagen bei 21 von 22 untersuchten Patienten-Liquors unter 1, was als Hinweis auf nicht intrathekal gebildete Immunglobuline gedeutet wird. Patienten mit positivem Nachweis hatten Erkrankungen, die möglicherweise auch durch C. pneumoniae bedingt sein könnten.
Die Arbeit zeigt überzeugend das Vorkommen von C.-pneumoniae im Liquor von MS-Patienten. Es gibt keine Berichte von apathogener humaner Besiedelung des ZNS mit Bakterien. Chlamydien gehören als typische Erreger chronisch-persistierender Infektionen keinesfalls in das ZNS von Patienten mit MS.
Die herkömlichen pathogenetischen Modelle gehen bei der MS davon aus, daß autoaggressive T-Zell-Klone endogen Entmarkungs-Läsionen verursachen, möglicherweise aktiviert durch Umweltfaktoren (und hier räumt man auch infektiösen Agentien eine positive ätiologische Bedeutung ein). Bakterielle Erreger als Auslöser der MS wurden aber in den letzten Jahren kaum erwähnt.
C. pneumoniae ist ein erst 1985 entdeckter Erreger mit bisher nicht vollständig geklärter Pathogenität. Außer unterschiedlichen respiratorischen Infektionen ist eine Persistenz des intrazellulären Gram-negativen Erregers im Respirationstrakt bei klinisch Gesunden beschrieben. In den letzten Jahren zeichnete sich zunehmend die Abklärung der Pathogenese der Atherosklerose als chronisch persistierende Gefäßinfektion mit C.-pneumoniae ab.

Auch gibt es epidemiologische Hinweise auf eine infektiologische Ätiologie der MS:
  • Kurtzke fand in der Analyse des epidemiologischen Auftretens der MS auf den Faerör-Inseln ab 1941 starke Hinweise auf einen infektiösen Erreger, der eine chronische Infektion bei klinisch nicht auffälligen Kollektiven verursacht und in seltenen Fällen MS verursacht. Die Charakterisierung des potentiellen Auslösers der MS stimmt mit dem überein, was wir heute schon über C. pneumoniae wissen.
  • Die geographische Epidemiologie der MS ist auffällig: Es gibt ein "Nord-Süd-Gefälle", mit einer absteigenden Prävalenz der MS zum Äquator hin. In Nordeuropa und Nordamerika ist MS häufig. Interessanterweise wird MS auch südlich des Äquators nach Südafrika und Australien/Neuseeland hin wieder häufiger. In Zentral-Afrika, Indien sowie Mittel- und Südamerika ist die MS kein Thema. Diese bemerkenswerte Epidemiologie deckt sich erstaunlich gut mit der Epidemiologie der Atherosklerose

Kommentare:

  1. Mich würde jetzt dringend interessieren, ob Menschen die eine akute MS aufweisen, überhaupt ein Trigger für andere Menschen sein können.

    D.h wenn man nun selbst die Voraussetzungen für eine MS in sich trägt, kann diese durch einen MS Patienten ausgelöst werden ?

    Besteht da eine theoretische Chance, oder kann dies völlig ausgeschlossen werden ?

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  2. Hallo Paul,
    Schau dir mal den Beitrag über das Färöer Phänomen an. Da wird es gut erklärt. MS an sich ist ja nicht ansteckend. Die Erreger, die in Verdacht stehen eine MS auszulösen, werden entweder von Tieren oder von Mensch zu Mensch übertragen. Aber natürlich löst das nicht bei jedem eine MS aus.
    LG Katrin

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